Transplantationschirurgie



Nierenlebendspende

Unter einer Nierenlebendspende versteht man die Spende einer Niere einer gesunden Person zur Transplantation. Aufgrund des anhaltenden Organmangels nimmt die Nierenlebendspende in Deutschland einen immer größer werdenden Stellenwert ein (Tabelle 1).
In zunehmendem Maße entschließen sich Patienten und Angehörige für eine Nierenlebendspende, nachdem sie das Thema mit ihren Transplantations- und Dialyseärzten ausführlich besprochen haben.

Tabelle 1 Quelle: http://www. dso.de










Im Klinikum rechts der Isar werden seit 1984 Nierenlebendspenden durchgeführt, derzeit mit steigender Tendenz etwa 25-30 pro Jahr. Es handelt sich somit in unserem Hause um einen Routineeingriff.
Erfahrung ist in diesem sensiblen Gebiet der Transplantation von besonderer Wichtigkeit, da die Organentnahme an einem gesunden Menschen vorgenommen wird und eine Gefährdung des Spenders zu vermeiden ist.



  1. Warum Nierenlebendspende?
  2. Vorteile einer Lebendnierentransplantation
  3. Wer kann eine Niere spenden?
  4. Welche vorbereitenden Untersuchungen sind notwendig?
  5. Wie gefährlich ist die Lebendnierenspende?
  6. Kann man mit nur einer Niere leben?
  7. Wer übernimmt die Kosten für eine Nierenlebendspende?
  8. Wie ist der zeitliche Ablauf in der Vorbereitungsphase zur Operation?
  9. Wie läuft der Krankenhausaufenthalt für die Nierenlebendspende ab?
  10. Wie läuft die Nierenentnahme technisch ab?
  11. Wie lange ist der Spender arbeitsunfähig?
  12. Welche Nachsorgeuntersuchungen sind für den Nierenspender notwendig?



Warum Nierenlebendspende?

Die Zahl der Patienten auf der Warteliste übersteigt die Zahl der Spenderorgane um das vierfache. Im Jahre 2008 konnten in Deutschland bei einer Warteliste von mehr als 8000 Patienten lediglich 2753 Nierentransplantationen durchgeführt werden (Tabelle 2). Die sich daraus ergebende Wartezeit von durchschnittlich 5-6 Jahren muss mit Dialysebehandlung überbrückt werden.

 

Tabelle 2 Quelle: http://www. dso.de









Vorteile einer Nierenlebendspende

Im Vergleich zur Transplantation einer Niere von einem verstorbenen Spender bietet die Nierenlebendspende einige Vorteile, die zu einem deutlich besseren langfristigen Überleben  der Niere führen (Tabelle 3):

  • Bestmögliche Organqualität durch sehr genaue Spenderabklärung
  • Kurze Ischämiezeit (Zeit zwischen Organentnahme und Transplantation, in der das Organ nicht durchblutet ist)
  • Optimale Operationsbedingungen, da der Eingriff längere Zeit im Voraus planbar ist
  • Kurze Wartezeit – im Idealfall kann eine Dialysebehandlung gänzlich vermieden werden


Tabelle 3 Quelle: http://www. dso.de


Wer kann eine Niere spenden?

a.) ethisch-rechtliche Aspekte
Gemäß Transplantationsgesetz ist eine Lebendorganspende nur dann zulässig, wenn zum Zeitpunkt der Organentnahme kein geeignetes Organ eines Verstorbenen zur Verfügung steht. Aus diesem Grunde muss der Empfänger frühzeitig auf die Warteliste in einem Transplantationszentrum aufgenommen und bei Eurotransplant als transplantabel gemeldet werden.


Als Spender kommen Personen in Frage, die in einem engen verwandtschaftlichen und/oder emotionalen Beziehung zum Empfänger stehen. Hierbei muss die Spende selbstverständlich freiwillig erfolgen. Die Freiwilligkeit und Unentgeltlichkeit wird von einem Psychologen und einer unabhängigen Ethikkommission geprüft.

b.) medizinische Aspekte
Der Spender muss in einem guten Gesundheitszustand sein. Insbesondere muss der Spender zwei normal funktionierende Nieren haben. Die Blutgruppe des Spenders sollte zu jener des Empfängers passen (Ausnahme ABO inkompatible Lebendspende).

Außerdem muss die sog. Kreuzprobe (Crossmatch) negativ ausfallen; d.h. die Antikörper im Serum (=Blutflüssigkeit) des Empfängers dürfen nicht mit den Lymphozyten (=weiße Blutkörperchen) des Spenders reagieren. In diesem Test stehen die Lymphozyten des Spenders stellvertretend für die Zellen der Spenderniere. Die Kreuzprobe wird im Rahmen der Voruntersuchungen zur Lebendnierenspende sowie kurz vor der eigentlichen Transplantation durchgeführt.

Die Entscheidung, ob eine Nierenlebendspende möglich ist, wird nach Vorliegen aller Untersuchungsergebnisse (siehe unten) von den Transplantationschirurgen in Absprache mit dem Spender und Organempfänger gefällt. Auch bei Vorliegen anatomischer Varianten (z.B. Hufeisenniere, Gefäßanomalien der Spenderniere) ist nach sorgfältiger Abwägung der Risiken in Einzelfällen eine Nierenspende möglich.


Welche vorbereitenden Untersuchungen sind notwendig?

Um eine größtmögliche Sicherheit für Spender und Empfänger  zu gewährleisten sind im Vorfeld einer Lebendspende eine Reihe medizinischer Untersuchungen notwendig. Diese werden in der Regel im Rahmen eines kurzen stationären Aufenthaltes für Spender und Empfänger auf unserer Transplantationsstation 1/11 absolviert.

a.) Spender

  • Blutuntersuchungen (Blutgruppenbestimmung, Kreuzprobe, HLA-Typisierung)

wenn die Blutgruppe des Spenders zu der des Empfängers passt und die Kreuzprobe negativ ausfällt folgen weitere Untersuchungen:

  • weiterführende Blut- und Urinuntersuchungen (Nierenfunktion, Ausschluss von Infektionen, Tumorerkrankungen und anderer innerer Krankheiten)
  • Ultraschalluntersuchung der Bauchorgane (Ausschluss von Fehlbildungen, Tumoren und sonstigen das Nierengewebe und Hohlraumsystem betreffende Erkrankungen der Nieren)
  • seitengetrenntes Nierenszintigramm (Nierenfunktion getrennt für rechte und linke Niere)
  • Kontrastmitteldarstellung der Hauptschlagader und ihrer Abgänge mit selektiver Darstellung der Nierengefäße und Spätaufnahme (Gefäßversorgung der zu transplantierenden Niere)
  • EKG und Ultraschalluntersuchung des Herzens, sowie ggf. weiterführender Untersuchungen (Ausschluss von Herzerkrankungen)
  • Ultraschalluntersuchung der Halsschlagadern (Ausschluss von Engstellen oder Verkalkungen)
  • Lungenfunktionsprüfung und Lungenröntgen (Ausschluss von Lungenerkrankungen)
  • Magenspiegelung (Ausschluss schwerwiegender Veränderungen im Bereich der Speiseröhre und des Magens)
  • bei Spendern die älter als 50 Jahre sind zusätzlich: Darmspiegelung (Ausschluss schwerwiegender Veränderungen im Bereich des Dickdarmes)
  • bei Frauen zusätzlich: gynäkologische Untersuchung (Ausschluss von Tumoren)

b.) Empfänger

übliche Untersuchungen im Rahmen der Vorbereitung zur Nierentransplantation (siehe dort)


Wie gefährlich ist die Lebendnierenspende?

Obwohl die Lebendnierenspende eine Operation an einem gesunden Menschen ist, gibt es wie bei jedem Eingriff das Risiko von Komplikationen. Diese sind jedoch selten und in der Regel nur leichtgradig. Die Häufigkeit schwerwiegender Komplikationen wird mit 1% angegeben; das Risiko an einer Nierenentfernung zu versterben mit 0,03-0,06% (Quelle:http://www.dso.de). Wie nach jeder Operation treten postoperativ Schmerzen auf, die mit Medikamenten jedoch gut beherrschbar sind). In seltenen Fällen können wie bei jeder Operation auf lange Sicht Narbenprobleme oder ein Narbenbruch auftreten.

Kann man mit nur einer Niere leben?

Die verbleibende Niere hat ausreichend Reserven, sodass man mit einer Niere weiterhin ein ganz normales Leben führt. Das Risiko selbst nierenkrank zu werden ist nicht erhöht und auch die Lebenserwartung des Spenders verringert sich durch die Entnahme einer Niere nicht. Es wird diskutiert, dass eine Nierenspende das Risiko für Bluthochdruck erhöht, dies ist mit Medikamenten jedoch gut behandelbar. Nur im extrem seltenen Fall einer schweren Erkrankung der verbliebenen Niere (schwere Verletzung, Tumor) kann möglicherweise beim Spender die Dialysenotwendigkeit eintreten.

Wer übernimmt die Kosten für eine Nierenlebendspende?

Die medizinischen Kosten für die präoperative Abklärung, die Operation und die Nachsorge des Spenders werden von der Krankenversicherung des Empfängers übernommen. Verdienstausfälle und Reisekosten des Spenders werden in der Regel nicht getragen. Eine Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit in Folge einer Lebendorganspende wird von der jeweiligen Rentenversicherung, eine Pflegebedürftigkeit von der sozialen oder der privaten Pflegeversicherung abgedeckt. Das Risiko finanzieller Einbußen durch Arbeitsunfähigkeit und vorzeitige Erwerbs- oder Berufsunfähigkeit ist nicht abgesichert.


Wie ist der zeitliche Ablauf in der Vorbereitungs-phase zur Operation?

Die Möglichkeit einer Nierenlebendspende sollte prinzipiell frühzeitig (d.h. vor Dialysepflichtigkeit des Empfängers) in Betracht gezogen werden. Natürlich kommen auch Patienten, die bereits auf der Warteliste für eine Nierentransplantation sind, für eine Nierenlebendspende in Frage. Die Aufnahme auf die Warteliste eines Transplantationszentrums ist sogar Voraussetzung für die Zulässigkeit einer Lebendorganspende (siehe oben).  Ihr betreuender Nephrologe ist die erste Anlaufstelle bei Fragen bezüglich einer Nierenlebendspende und kann ihnen mit Informationen weiterhelfen und bereits erste Voruntersuchungen (Blutgruppe, Nierenwerte) durchführen. In einem gemeinsamen Gespräch mit Spender und Empfänger in unserer transplantationschirurgischen Sprechstunde wird das weitere Vorgehen genau besprochen und zusätzliche Fragen geklärt. Unser Team steht Ihnen auch gerne für eine Zweitmeinung zur Verfügung wenn beispielsweise die Durchführung einer Lebendnierenspende in einem anderen Transplantationszentrum aus technischen Gründen abgelehnt wurde. Darauf folgen mehrere Gespräche mit Psychologen und der Ethikkommission und eine etwa dreitägige stationäre Untersuchung des Spenders (siehe oben) auf unserer Transplantationsstation 1/11. Nachdem alle Untersuchungsergebnisse ausgewertet sind und das Votum der Ethikkommission vorliegt kann ein Transplantationstermin vereinbart werden.


Wie läuft der Krankenhausaufenthalt für die Nierenlebendspende ab?

a.) Spender
Am Vortag der Transplantation werden Spender und Empfänger auf unsere transplantationschirurgische Station 1/11 aufgenommen. Bei dialysepflichtigen Empfängern sollte, wenn logistisch möglich noch am Eintrittstag eine Dialyse in der heimatlichen Dialysestation erfolgen.
Nierenentnahme und Transplantation werden direkt aufeinander folgend durchgeführt. In der kurzen Zwischenzeit wird das Organ gekühlt aufbewahrt. Die Entnahmeoperation, als auch die Transplantation dauern ca. 2-3 Stunden. Der Nierenspender kommt in der Regel nach einem Aufenthalt im Aufwachraum der Anästhesie bereits am Nachmittag des Operationstages in das Patientenzimmer zurück. Aufgrund der anatomischen Lage des operativen Zuganges in der Nähe des Rippenbogens und der Notwendigkeit des Einsatzes von Wundspreizern bei der Operation haben die Spender postoperativ oftmals mehr Schmerzen als der Nierenempfänger. Diese Schmerzen können durch den Einsatz moderner, potenter Schmerzmittel jedoch gut behandelt werden. Die Entlassung kann in den meisten Fällen nach etwa 5 Tagen erfolgen.

b.) Empfänger
Die Nierentransplantation wird unmittelbar nach der Nierenentnahme durchgeführt. Sowohl Nierentransplantation, als auch Krankenhausaufenthalt sind mit dem Vorgehen bei Transplantation der Niere eines Verstorbenen identisch (siehe dort). Im Unterschied zum Spender verbringt der Nierenempfänger üblicherweise eine Nacht auf der Intensivstation und wird bei regelrechtem Verlauf am Morgen des auf die Operation folgenden Tages auf Normalstation zurückverlegt.

Wie läuft die Nierenentnahme technisch ab?

Die Entscheidung ob die linke oder rechte Niere entnommen wird trifft der Transplantationschirurg  anhand der vorgenommenen Untersuchungen.
In der Regel erfolgt die Nierenentnahme in unserem Hause extraperitoneal (ohne Eröffnung der Bauchhöhle) über einen ca. 15 bis 20cm langen Flankenschnitt. Die Niere wird aus der sie umgebenden Fettkapsel herausgelöst und die Blutgefäße, sowie der Harnleiter präpariert und dargestellt. Der Harnleiter wird ca. 15cm unterhalb der Niere durchtrennt und der verbleibende Harnleiterstumpf blind verschlossen. Nun werden die Gefäße abgeklemmt und ebenfalls durchtrennt. Anschließend wird das Transplantat geborgen und mit einer eisgekühlten Konservierungslösung gespült. Bis zur eigentlichen Transplantation wird das Organ bei 4°C kühl gelagert. Nach Bergung des Transplantats werden die verbliebenen Gefäßstümpfe sorgfältig verschlossen. Nun wird noch eine Wunddrainage eingelegt, welche meist am zweiten postoperativen Tag entfernt werden kann, und  die Operationswunde schichtweise verschlossen.

Wie lange ist der Spender arbeitsunfähig?

Abhängig von der beruflichen und körperlichen Beanspruchung ist die Arbeitsfähigkeit. Bei Organspendern, die einer Bürotätigkeit nachgehen können etwa nach vier bis sechs Wochen wieder arbeiten. Leichte körperliche Arbeiten sind meist bereits nach 2-3 Wochen möglich.  Bei beruflich schwerer körperlicher Arbeit ist oft eine etwas längere Schonfrist nötig, die unserer Erfahrung nach jedoch drei Monate in der Regel nicht übersteigt.

Welche Nachsorgeuntersuchungen sind für den Nierenspender notwendig?

Sowohl Spender als auch Empfänger müssen sich laut Transplantationsgesetz bereit erklären an ärztlich begründeten Nachsorgemaßnahmen teilzunehmen. Beim Nierenspender sollte lebenslang alljährlich eine Untersuchung bestehend aus folgenden diagnostischen Maßnahmen durchgeführt werden:

  • Ultraschalluntersuchung der verbliebenen Niere (Ausschluss krankhafter Veränderungen)
  • Blut- und Urinuntersuchung (Kontrolle der Nierenfunktion) 



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